Piperin oder Mizell

Es gibt diverse Möglichkeiten, die geringe Bioverfügbarkeit von Kurkuma zu steigern. Die Kombination mit Piperin steigert die Bioverfügbarkeit zwar in geringem Maß, kann jedoch zu Unverträglichkeiten führen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten hervorrufen. Die effektivste Art und Weise, die Aufnahme von Curcumin zu gewährleisten, ist derzeit ein Mizell-Curcuma.

Kurkuma, bzw. der Hauptwirkstoff Curcumin haben in den letzten Jahren zunehmend wissenschaftliches Interesse geweckt. In der ayurvedischen Medizin seit Jahrhunderten etabliert, konnten mittlerweile zahlreiche Studien die potentielle Wirksamkeit von Curcumin bei verschiedensten Erkrankungen nachweisen. Dabei ergab sich jedoch immer wieder ein grundlegendes Problem bei der Verabreichung von Curcumin, die sog. Bioverfügbarkeit. Inzwischen haben sich im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel zahlreiche Produkte etabliert, die vor allem auf zwei Methoden zur Steigerung der Bioverfügbarkeit basieren, der Kombination mit Piperin, sowie der mizellaren Formulierung.

Bioverfügbarkeit von Kurkuma

Als Bioverfügbarkeit bezeichnet man vereinfacht ausgedrückt, wie viel eines über die Nahrung zugeführten Stoffes tatsächlich in der Blutbahn ankommt. Diese Aufnahmerate wird von zwei Prozessen bestimmt, auf die zur Steigerung der Bioverfügbarkeit Einfluss genommen werden kann.

Zunächst muss ein Stoff im Darm über die Schleimhaut aufgenommen werden. Dabei spielt vor allem die Wasserlöslichkeit eine Rolle. Wasserlösliche, hydrophile Stoffe können in der Regel relativ einfach absorbiert werden, während fettlösliche, lipophile Stoffe einen komplexeren Prozess durchlaufen müssen. Nahrungsfette, sowie fettlösliche Vitamine lagern sich dabei im Darm zu sogenannten Mizellen zusammen. Dabei entsteht ein kugeliges Gebilde, bei dem sich wasserlösliche Bestandteile nach außen ausrichten, während die fettlöslichen Bestandteile im Inneren eingeschlossen sind. Dieser Komplex kann nun mit der Zellmembran der Darmschleimhautzellen fusionieren, da diese ähnlich aufgebaut ist.

Ist ein Stoff aus dem Darminnenraum aufgenommen worden, wird er in kleine Blutgefäße abgegeben, die zunächst alle zur Leber führen. In der Leber werden dann Fremd- und Giftstoffe herausgefiltert und wieder ausgeschieden, bevor das nährstoffreiche Blut in den Hauptblutkreislauf eingespeist wird. An diesem Fremdstoffmetabolismus, auch First-Pass-Effekt genannt, sind unter anderem sogenannte Cytochrom-P450-Enzyme (CYP) beteiligt.

Die Bioverfügbarkeit von Curcumin wird wahrscheinlich durch beide Prozesse eingeschränkt. Zum einen wird es als fettlöslicher Stoff nur schwer über die Darmschleimhaut aufgenommen, zum anderen wird es von der Leber als Fremdstoff herausgefiltert. Mit Hilfe von Piperin, bzw. Mizellen ist es möglich diese Vorgänge zu beeinflussen.

Kurkuma und Piperin

Piperin ist ein natürliches Alkaloid und verantwortlich für die Schärfe und den Geschmack von schwarzem Pfeffer. Bei Aufnahme über die Nahrung fördert es ähnlich wie andere Scharfstoffe die Sekretion von Speichel und Verdauungssäften und regt den Stoffwechsel an. Außerdem wird ihm eine antimikrobielle Wirkung nachgesagt.

Viel interessanter ist jedoch, dass Piperin in der Lage sein soll, die Bioverfügbarkeit anderer Substanzen zu steigern. So konnte bereits 1985 dokumentiert werden, dass Piperin die Aktivität verschiedener CYP-Enzyme unspezifisch reduziert und somit den First-Pass-Effekt reduziert (1). Auch andere am Fremdstoffmetabolismus beteiligte Enzyme konnten mit Piperin erfolgreich gehemmt werden (2). Eine weitere Studie kam außerdem zu dem Ergebnis, dass Piperin die Permeabilität, also die „Durchlässigkeit“ der Zellen der Darmschleimhaut reduziert, was ebenfalls die Aufnahme anderer Stoffe erhöhen kann (3).

Aufgrund dieser Ergebnisse wurden verschiedene Studien durchgeführt, die den Einfluss von Piperin auf die Bioverfügbarkeit von Medikamenten untersuchten. Dabei kam unter anderem heraus, dass Piperin die Bioverfügbarkeit von Ibuprofen (4), eines Betablockers (5) sowie verschiedener Antibiotika (6) steigert.

Angesichts der vielversprechenden Ergebnisse versuchte man 1998 auch die geringe Bioverfügbarkeit von Curcumin mit Hilfe von Piperin zu steigern. Dabei kam heraus, dass man mit Hilfe von Piperin die Bioverfügbarkeit des Curcumins um 2000%, bzw. das 20-fache steigern konnte (7). Es sollte erwähnt werden, dass dieser Zusammenhang häufig falsch wiedergegeben wird, indem von einer Steigerung der Bioverfügbarkeit um das 2000-fache die Rede ist. Ein einfacher Zahlendreher.

Im Zusammenhang mit Piperin sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es auch widersprüchliche Ergebnisse gibt. 2013 wurde eine Studie veröffentlicht, in der man feststellte, dass Piperin im Gegenteil die Bildung von CYP-Enzymen steigert (8), was vorangegangene Ergebnisse in Frage stellt.

Curcumin und Mizellen

Neben Curcumin-Piperin-Kombinationen haben sich in den letzten Jahren vor allem mizellare Curcumin-Formulierungen etabliert. Mizellen sind wie bereits eingangs erwähnt kleine Komplexe aus lipophilen Partikeln, die sich im Darm formieren. Indem man Curcumin in Form solcher Mizellen „verpackt“, kann man diesen natürlichen Vorgang imitieren, sodass Curcumin besser über die Darmschleimhaut aufgenommen wird. Diese Methode greift also im Gegensatz zur Darreichung mit Piperin nicht in Stoffwechselvorgänge der Leber ein.

2014 wurde erstmals eine Studie veröffentlicht, in der die Bioverfügbarkeit von mizellarem Curcumin untersucht wurde. Dabei kam man zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass eine mizellare Formulierung die Bioverfügbarkeit von Curcumin um das 185-fache steigern kann (9). Das entspräche theoretisch einem 9-fach höherem Potential verglichen mit Piperin. Somit wäre es möglich mit relativ geringen Mengen an Curcumin therapeutisch relevante Konzentrationen im Blut zu erzielen.

Piperin oder Mizellen?

 

Anhand der Zahlen scheint es klar auf der Hand zu liegen, dass eine mizellare Darreichung die bessere Wahl darstellt. Trotzdem kann man sich die Frage stellen, ob nicht ein Piperin-Präparat mit einer höheren Dosierung von Curcumin vielleicht die bessere Option wäre. Mizell-Präparate sind in der Regel etwas teurer, und nicht zuletzt werden Piperin selbst durchaus auch gesundheitliche Wirkungen nachgesagt.

Der entscheidende Aspekt ist die Art und Weise, wie die beiden Darreichungen die Bioverfügbarkeit beeinflussen. Piperin beeinflusst Enzyme, die auch für die Verstoffwechselung von Fremdstoffen und Medikamenten verantwortlich sind. Man kann nur sehr schwer kalkulieren, inwieweit Piperin nicht auch die Aufnahme potentiell schädlicher Substanzen steigert. Außerdem könnte Piperin bei der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten deren Wirkspiegel beeinflussen. Bislang sind nur die Interaktion mit einigen wenigen Wirkstoffen untersucht worden, und es ist zu erwarten, dass Piperin auf viele weitere Einfluss nimmt. Auch die Beeinflussung der Permeabilität der Darmschleimhaut könnte potentiell schädlich sein.

Bei einer mizellaren Darreichung wird hingegen ausschließlich die Bioverfügbarkeit des Curcumins beeinflusst, ohne in den Stoffwechsel einzugreifen. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit für eventuelle Interaktionen und Nebenwirkungen sehr gering. Das, sowie die bisher unerreichte Steigerung der Bioverfügbarkeit macht Mizell-Curcumin zur derzeit besten Darreichungsform von Kurkuma.

 


Quellen:

  • Atal, C. K., Dubey, R. K., & Singh, J. (1985). Biochemical basis of enhanced drug bioavailability by piperine: evidence that piperine is a potent inhibitor of drug metabolism. The Journal of Pharmacology and Experimental Therapeutics, 232(1), 258–262.
  • Reen, R. K., Jamwal, D. S., Taneja, S. C., Koul, J. L., Dubey, R. K., Wiebel, F. J., & Singh, J. (1993). Impairment of UDP-glucose dehydrogenase and glucuronidation activities in liver and small intestine of rat and guinea pig in vitro by piperine. Biochemical Pharmacology, 46(2), 229–238. https://doi.org/10.1016/0006-2952(93)90408-O
  • Johri, R. K., Thusu, N., Khajuria, a, & Zutshi, U. (1992). Piperine-mediated changes in the permeability of rat intestinal epithelial cells. The status of gamma-glutamyl transpeptidase activity, uptake of amino acids and lipid peroxidation. Biochemical Pharmacology. Retrieved from http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1348936
  • Venkatesh, S., Durga, K. D., Padmavathi, Y., Reddy, B. M., & Mullangi, R. (2011). Influence of piperine on ibuprofen induced antinociception and its pharmacokinetics. Arzneimittel-Forschung, 61(9), 506–9. https://doi.org/10.1055/s-0031-1296235
  • Bano, G., Raina, R. K., Zutshi, U., Bedi, K. L., Johri, R. K., & Sharma, S. C. (1991). Effect of piperine on bioavailability and pharmacokinetics of propranolol and theophylline in healthy volunteers. European Journal of Clinical Pharmacology, 41(6), 615–617. https://doi.org/10.1007/BF00314996
  • Janakiraman, K., & Manavalan, R. (2008). Studies on effect of piperine on oral bioavailability of ampcln. and norfloxacin. African Journal of Traditional, Complementary, and Alternative Medicines : AJTCAM / African Networks on Ethnomedicines, 5(3), 257–262. https://doi.org/10.4314/ajtcam.v5i3.31281
  • Shoba, G., Joy, D., Joseph, T., Majeed, M., Rajendran, R., & Srinivas, P. S. S. R. (1998). Influence of piperine on the pharmacokinetics of curcumin in animals and human volunteers. Planta Medica, 64(4), 353–356. https://doi.org/10.1055/s-2006-957450
  • Wang, Y.-M., Lin, W., Chai, S. C., Wu, J., Ong, S. S., Schuetz, E. G., & Chen, T. (2013). Piperine activates human pregnane X receptor to induce the expression of cytochrome P450 3A4 and multidrug resistance protein 1. Toxicology and Applied Pharmacology, 272(1), 96–107. https://doi.org/10.1016/j.taap.2013.05.014
  • Schiborr, C., Kocher, A., Behnam, D., Jandasek, J., Toelstede, S., & Frank, J. (2014). The oral bioavailability of curcumin from micronized powder and liquid micelles is significantly increased in healthy humans and differs between sexes. Molecular Nutrition and Food Research, 58(3), 516–527. https://doi.org/10.1002/mnfr.201300724